Hämophile Bakterien

Hämophile Bakterien sind in der Gattung Haemophilus zusammengefaßt und gekennzeichnet durch den Bedarf an Wachstumsfaktoren, die im Blut vorkommen (daher auch die Bezeichnung hämophil). Die für menschliche Erkrankungen wichtigsten Vertreter der Gattung Haemophilus sind Haemophilus influenzae, H. ducreyi und H. aegypticus.

Geschichte:
Haemophilus influenzae wurde von Richard Pfeiffer, Mitarbeiter Robert Kochs am Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, entdeckt und von ihm in einer Mitteilung in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift unter dem Titel "Vorläufige Mittheilungen über den Erreger der Influenza" im Jahre 1892 beschrieben. Pfeiffer glaubte seinerzeit den Erreger der Influenza (Grippe) entdeckt zu haben.

Bei der schweren Influenza-Pandemie von 1918/19 stellte sich allerdings heraus, daß die Influenza-Bakterien nur in etwa 60% der Fälle nachgewiesen werden konnten und daß sie daher nicht der eigentliche Erreger der Influenza waren. 1933 konnte dann der Nachweis erbracht werden, daß nicht die Influenzabakterien, sondern das Influenzavirus das ursächliche Agens für die Entstehung der Influenza darstellt.
Diese Influenza-Virusinfektion bereitet jedoch durch Schädigung der Schleimhaut den Boden für eine bakterielle Sekundärinfektion vor. Bei diesen steht die Infektion mit H. influenzae im Vordergrund.

Virulenzfaktoren:
H. influenzae verfügt über mehrere potentielle Virulenzfaktoren. Dazu gehören extrazelluläre Enzyme wie eine Neuraminidase und eine Endopeptidase (IgA1-Protease), die das sekretorische IgA spalten kann, außerdem zwei zellgebundene Faktoren, ein Lipopolysaccharid und ein Glykopeptid, die die Zilien der Bronchialscheimhaut lähmen. Pili an der Zelloberfläche ermöglichen die Adhärenz an der oropharyngealen und tracheobronchialen Schleimhaut.
Der herausragende Virulenzfaktor des H. influenzae ist das Polyribitolphosphat (PRP) des Kapseltyps b, der bei schweren Infektionen im Kindesalter am häufigsten (95%) gefunden wird. PRP steigert und beschleunigt das Eindringen der Erreger ins Gewebe (Invasivität) und blockiert die Phagozytose.

Pathogenese:
H. influenzae zeigt eine Affinität zu serösen Häuten und Schleimhaut, mit der Neigung, eitrige oder seröse Entzündungen auszulösen. Die Infektionen entwickeln sich oft endogen, setzen also voraus, daß der Erreger Schleimhäute des Wirtes wie den Nasopharynx bereits besiedelt hat. Von da breiten sie sich über die Nebenhöhlen, das Mittelohr und über die Trachea und Bronchien in die Lunge aus.
Es gibt folgende Möglichkeiten der Entwicklung einer Infektion:
1. nur asymptomatische Besiedelung der Schleimhaut und des Nasopharynx (Keimträger)
2. lokale Nasopharyngitis
3. Ausbreitung per continuitatem zu Nebenhöhlen, Paukenhöhle, Larynx, Trachea, Bronchien, Lunge
4. Invasion durch Schleimhaut und Einbruch ins Blut (Bakteriämie) mit der Folge einer eitrigen Meningitis, Epiglottitis, etc.

Haemophilus-Erkrankungen betreffen vor allem das Kindesalter. Sie sind aber auch bei älteren Menschen und abwehrgeschwächten Patienten nicht selten. Man unterscheidet invasive und nicht-invasive Infektionen.

Bronchopulmonale Infektionen:
Bronchopulmonale Infektionen werden vorwiegend durch unbekapselte Stämme von Hämophilus influenzae verursacht. Sie sind nicht invasiv, beschränken sich auf die Schleimhaut und treffen in erster Linie Erwachsene. Für die akute bakterielle Tracheobronchitis ist H. influenzae neben Streptococcus pneumoniae und Branhamella cattarhalis der wichtigste Erreger. Die Infektionen treten überwiegend im Gefolge einer Influenza oder anderer viraler Infekte des Respirationstraktes auf.
Für die akute Exazerbation einer chronischen Brochitits bei Bronchiektasen, Emphysem oder chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung stellt H. Influenzae nur einen Teil des breiten Spektrums der Erreger (Streptococcus pneumoniae, Staphylococcus aureus, Enterobakteriazeen, Pseudomonaden, u. a.).

Infektionen im HNO-Bereich:
Sinusitis und Otits media werden bei Kindern und Erwachsenen oft durch H. influenzae hervorgerufen; sehr viel seltener finden sich Infektionen am Herzen (Endo-Perikarditis), im Abdomen (Peritonitis) und im weiblichen Genitaltrakt (Adnexitis, Endometritis).

Meningitis, Epiglottitis:
H. influenzae ist der häufigste Erreger eitriger (bakterieller) Meningitiden bei Kleinkindern bis zu 2 Jahren.
Die Erkrankung setzt hochakut ein, wird oft mit den Zeichen einer Atemwegs- oder Ohrinfektion eingeleitet und von einer Bakteriaämie begleitet. Fast die Hälfte der geheilten Kinder weist hinterher eine verzögerte Entwicklung auf. Die Erkrankung ist meldepflichtig.

Die Epiglottitis ist eine meist hochakut einsetzende invasive Erkrankung mit Schwellung des submukösen Gewebes im oberen Kehlkopf, die zum Verschluß der Atemwege führen kann. Sie trifft meist Kinder ab 2 Jahren, aber auch Erwachsene. Der Zustand ist dramatisch und verschlechtert sich schnell. In leichteren Fällen findet sich die Epiglottis gerötet und geschwollen wie eine Kirsche, die den Pharynx am Zungengrund verschließt.
Die meisten Fälle von septischer Arthritis sind durch H. influenzae verursacht, oft bei gleichzeitiger extraartikulärer Infektion.

Antibiotikatherapie:
Schwere Haemophilus-Infektionen im Kindesalter werden parenteral mit Cefotaxim, Cefotiam, Cefuroxim oder, wenn möglich, mit Oralcephalosporinen wie Cefaclor, Cefuroxim-Axetil u. a. behandelt. Das konventionelle Therapieregime der tracheobronchialen Infektionen mit Tetrazyklinen, Cotrimoxazol und Ampicillin bleibt gültig, doch muß mit Versagern gerechnet werden. Alternativen bilden die Kombinationspräparate aus Aminopenicillinen und Betalaktamase-Inhibitoren, die genannten Cephalosporine und die Fluorchinolone, die für Erwachsene als Therapie erster Wahl gelten können.

Haemophilus parainfluenzae, H. haemolyti cus, H. parahaemolyticus, H. segnis H. antrophilus und H. paraantrophilus kommen häufig in der Mundhöhle und im oberen Respirationstrakt von Gesunden vor. H. parainfluenzae ist regelmäßig anzutreffen und trägt oft Plasmide für die Ampicillin-Resistenz. H. haemolyticus und H. segnis bevorzugen den Parodontalbereich, doch wurden beide Arten auch aus eitrigen Wunden, den Nebenhöhlen und dem Urogenitaltrakt isoliert.

Haemophilus ducreyi ist der Erreger der Geschlechtskrankheit Ulcus molle (weicher Schanker), einer klassischen sexuell übertragbaren Krankheit, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.

Hamophilus aegypticus ist einer der zahlrei chen Erreger der akuten, epidemischen Konjunktivitis im Kindesalter. Die Infektion ist übertragbar und tritt in erster Linie in warmen Ländern (Nordafrika, Südstaaten USA) auf. Die Konjunktivits wird mit Augentropfen oder -Salben behandelt, die Chloramphenicol, Rifampicin, Sulfonamide und neuerdings Chinolone enthalten.

Literatur:
Mannheim,W.; Frederiksen,W.; Mutters,R. in Burkhardt, F. (1992) Mikrobiologische Diagnostik: Pasteurellaceae, S. 163-169, Thieme-Verlag.
Ruckdeschel,G. in Brandis, H. et. al. (1994) Lehrbuch der Medizinischen Mikrobiologie: Hämophile Bakterien, S. 455-462, Fischer-Verlag.