Freund oder Feind ?

Pilze im menschlichen Gastrointestinaltrakt


Pilze, vor allem Hefen, können im menschlichen Gastrointestinaltrakt als apathogene / pas­sagere oder adhärierende / virulente Keime vorkommen, am häufigsten fin­det sich Candida albicans. Man kann sich vor­stellen, dass diese Pilze mit der Nahrung aufge­nommen und ohne weitere Konsequenzen für den Körper wieder ausgeschieden werden. So kann bei 70 - 80% aller Menschen in Stuhlproben die Hefe C. albicans qualitativ nachgewiesen werden, ohne dass klinische Symptome vorliegen (passagere Form).

Candida-Nachweis im Stuhl bedeutet nicht unbedingt Pilzerkrankung!

Wann machen Pilze im Darm krank ?

Hefen können im Gastrointestinaltrakt dann Symptome verursachen, wenn sie an der Darmschleimhaut verbleiben und dort krankmachende Veränderungen bewirken. Ob es zu einer solchen Kolonisation mit konkreten Auswirkungen wie z.B. Diarrhoe auf den „Wirtsorganismus Mensch“ kommt, hängt ab von:

-         der Abwehrlage

-          den pathogenen Eigenschaften (Virulenzfaktoren) der Hefen

Eine funktionierende körpereigene Immunabwehr gilt als primärer Infektionsschutz gegen Pilze. Dazu sind am Ort der Infektion, der Darmschleimhaut, intakte Schleimhautzellen sowie funktionierendes darmassoziiertes Immunsystem erforderlich.

Der wichtigste Schutz vor Pilzinfektionen ist eine effektive zelluläre Abwehr, das heißt eine ausrei­chende Anzahl funktionell intakter Leukozyten. An der ersten Abwehrlinie sind neutrophile Granulo­zyten und Makrophagen beteiligt, die durch Chemokine und Zykokine angelockt und aktiviert werden. Die so aktivierten Zellen können Candida-Zellen phagozytieren und verstärken über immunregulatori­sche Wege die Abwehr weiter (Achtung: Störungen vgl. Escape-Verhalten).

Die physiologische Darmflora schützt zusätzlich!

Eine besondere Bedeutung kommt der physiolo­gischen Darmflora zu. Sie ist als Kolonisations-Barriere in der Lage, die Ansiedlung und Vermeh­rung von Pilzen zu unterdrücken. Dies zeigt sich unter anderem dadurch, dass in den meisten Fäl­len die Anzahl an Pilzen mit 10 Keimen/g bis 1000 Keimen/g Stuhl gegenüber der normalen Bakteri­enflora mit 1012 Keimen verschwindend gering ist. Die Barrierefunktion entsteht dadurch, dass be­stimmte Bakterien miteinander und sogar mit den Darmepithelzellen kommunizieren und ihre Fähigkeiten zur Abwehr von pathogenen Keimen ausbilden und verstärken können. Diese Eigenschaften besitzt z.B. das probiotische Bak­terium E. coli Stamm Nissle 1917, wodurch es an der Darmschleimhaut anheften kann, Biofilme ausbildet und Abwehrstoffe produziert.

Eine intakte Darmflora schützt vor Überwucherung mit Pilzen!

Je stärker die Abwehr des betroffenen Menschen ist, desto geringer ist sein Risiko, an einer Darmmy­kose zu erkranken. Verschiedene Faktoren können jedoch zu einer drastischen Verminderung der kör­pereigenen Abwehr, insbesondere des leukozytären Immunsystems, führen. Diese sind z.B.:

-         angeborene oder erworbene Immunschwäche

          (z.B. HIV-Infektion, lymphoproliferative Erkrankungen, immunsuppressive Therapien)

-         Mangel- oder Fehlernährung

Die Barrierefunktion der physiologischen Darmflora verringert sich nach Gabe von Antibiotika deutlich, so dass das ökologische System innerhalb des Darms durch obligat pathogene Erreger empfindlich ge­stört werden kann. Inwieweit wir selber durch Rauchen, mangelnde oder übertriebenen Hygiene und mittels unserer psychischen Konstitution die körpereigene Immunabwehr schwächen können, ist nach wie vor Gegenstand vieler Diskussionen.

Welche pathogenen Eigenschaften haben Pilze ?

Im ersten Schritt der Darminfektion heften sich die Hefen an die Zellen der Darmschleimhaut. Can­dida albicans besitzt dafür sogenannte Integrine. Das sind Oberflächenstrukturen, die die Anhef­tung über einen Rezeptor vermitteln. Die Bin­dungsstärke wird dabei durch eine erhöhte Kon­zentration von Glukose gefördert (vgl. Anti-Pilz-Diätplan). Ein weiterer Virulenzfaktor sind die sau­ren Proteasen (sekretorische Aspartat-Protea­sen, SAP). Diese Enzyme spielen bei der Anhef­tung an die Schleimhautzellen, bei der Invasion in tiefere Gewebe und bei der Zerstörung von Im­munglobulinen eine wichtige Rolle. Candida albi­cans verfügt über eine ganze Familie dieser SAP, die unter bestimmten Bedingungen aktiviert wer­den können.

Bestimmte Candida-Stämme sind darüber hinaus in der Lage, zusätzliche Virulenzfaktoren auszubilden: aufgrund von Umweltreizen (z.B. Temperaturen, Zuckergehalt) kann es zur Expression von vorher „stummen“ virulenten Genen kommen.

Mögliche Virulenzfaktoren von Candida albicans

Hefen siedeln sich nicht nur bei einer gestörten Darmflora an, sie können durch Störungen des Öko-Systems Darmflorastörungen auch selber verursachen, z. B. bei rezidivierenden Diarrhoen.

Das hängt insbesondere von der Keimzahl und der Aggressivität der Hefen ab.

Wann liegt eine behandlungsbedürftige Darmmykose vor?

Die Symptome bei einer Darmmykose sind in der Regel unspezifisch: Oberbauchbeschwerden, rez. Durchfälle, aber auch Wechsel zwischen Diarrhoe und Obstipation, Blähungen, Meteorismus können vorkommen und stark an ein Reizdarmsyndrom erinnern. Nur sehr selten findet man eine Darmmykose bei völlig beschwerdefreien Patienten. Bei Vorliegen dieser Symptome und dem Ausschluss von klassi­schen Durchfallerregern definiert die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) eine Darmmykose durch den Nachweis von 105 oder mehr Pilzen/g Stuhl, eine Festlegung, deren klinische Relevanz unter dem Aspekt der oft sehr großen Adhärenz von Hefen zunehmend fragwürdig erscheint. Dennoch sollte ein quantitativer Nachweis (An­zahl der Pilze) bei der Stuhluntersuchung auf jeden Fall erhoben werden.

Um einen Hinweis auf die Virulenz der Pilze zu haben, kann gleichzeitig die Bestimmung von sezer­nierten sauren Aspartat-Proteasen (SAP) erfolgen.

Durch virulente Hefen kommt es zum Abbau des Antikörpers sIgA, der dem Schutz von epithalen  Oberflächen vor Infektionserregern dient. Ein zu niedriger sIgA-Spiegel gibt damit weitere Hinweise auf die Virulenz der Hefen.

Ganzheitliches Therapieschema bei Darmmykosen (nach S.Kämper)

Um den Hefen möglichst wenig leicht metabolisierbare Kohlenhydrate (z.B. Glukose) als Substrat anzu­bieten, ist die Vermeidung von Einfachzuckern zu empfehlen. Eine Umstellung der Ernährung auf bal­laststoffreiche Kost verbessert die Bedingungen für die physiologische Darmflora und fördert damit die natürliche Abwehr gegen eine Pilzinfektion (vgl. Anti-Pilz-Diätplan).