Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)

 

Hintergrundinformationen und Therapiehinweise für die in der täglichen Praxis am häufigsten vorkom­menden chronisch entzündlichen Darmkrankheiten (CED) gezeigt am Beispiel der Colitis ulcerosa und am Morbus Crohn (vgl. L. Schulze, U. Sonnenborn, J. Schulze 2002, ANG: Darmflora und chronisch entzündliche Darmerkrankungen).

 

Die Pathophysiologie der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) ist nach wie vor nicht abschließend geklärt. Einigkeit besteht darin, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen han­delt. Von Bedeutung sind eine genetische Prä­disposition, verschiedene Umweltfaktoren sowie ver­änderte Immunreaktionen, die zur Zerstörung der mukosalen Barriere führen und durch die Darm­flora ausgelöst bzw. unterhalten werden. Mikroorganismen sind wahrscheinlich auch an der Entstehung extraintestinaler Manifestationen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen be­teiligt, die zum Teil, vor allem als Arthritiden, schon Monate vor Beginn der Darmsymptomatik auf­treten können.

 

Folgende Befunde sprechen für eine ätiologische Beteiligung der Darmflora bei CED:

- Entzündungsbeginn zumeist in Darmabschnitten mir hohen Bakterien-Konzentrationen

- Vermehrte Translokalisation von Bakterien und Bakterienbestandteilen

- Permeabilitätsstörung

- Erhöhte Antikörperspiegel gegen Zellwandbestandteile ubiquitärer Mikroorganismen

- Verlust der Toleranz gegenüber der eigenen Darmflora

- Wirksamkeit von Probiotika in Enterokolitis-Tiermodellen

 

Therapeutischer Effekt durch:

- Antibiotika oder Darmlavage

- Anlage eines Ileostomas

- Austausch der Darmflora (Klysmen mit Stuhlaufschwemmung gesunder „Spender“)

- Therapie mit probiotischen Arzneimitteln

 

CED durch überschießende Immunantwort

Im Gastrointestinaltrakt stehen die immunkompe­tenten Zellen des darmassoziierten Immunsys­tems in ständigem Kontakt mit einer Vielzahl von Antigenen. Dieser physiologische Zustand wird als „kontrollierte Entzündung“ beschrieben. Für die Aufrechterhaltung dieser mukosalen Homö­ostase ist eine Balance zwischen proinflammato­rischen und antiinflammatorischen Stimuli erfor­derlich. Aus Abb. 1 wird deutlich, wie Verschie­bungen des mikroökologischen Gleichgewichts entstehen können. Die Suche nach Suszeptibili­täts-Gen-Orten hat bei Morbus Crohn-Patienten zur Entdeckung des Gens NOD2 (Syn. CARD) geführt, welches schätzungsweise bei bis zu 20% der Erkrankten gefunden wird. NOD2 wird in Mo­nozyten exprimiert und aktiviert den nukleären Transkriptionsfaktor NFkB, der eine Schlüsselrolle in der entzündlichen Immunantwort einnimmt. Wie Bakterien diese Signalkaskade beeinflussen ist im Ansatz bekannt und  könnte einen interessanten Zusammenhang zwischen genetischer Determi­nation und auch umweltbedingten Einflüssen auf­decken.

             

Verlust der immunologischen Toleranz

Sämtliche Immunzellpopulationen der intestinalen Limina propria weisen bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eine vermehrte Aktivierung auf. Einen solche überschießende Reaktion gegen normale Bestandteile des Darm-Inhaltes wird für die Auslösung und für die Ver­stärkung der Entzündungen im Darm verantwort­lich gemacht. Eine Aktivierung von T-Helfer-Zellen führt zu einer Vermehrung der Antikörper-Produk­tion durch intestinale B-Zellen. Bei Gesunden überwiegen im Gastrointestinaltrakt mukosapro­tektive IgA-Antikörper. Bei CED-Patienten wird vermehrt das für das schleimhautständige Im­munsystem untypische IgG nachgewiesen. Diese IgG-Antikörper reagieren mit zytoplasmatischer Proteinen residenter Bakterien, bei Morbus Crohn noch ausgeprägter als bei Colitis ulcerosa. Bei CED-Patienten wurden unabhängig von der klini­schen Aktivität der Erkrankungen in den Fäzes viele mit Antikörpern (IgA, IgG und IgM) besetzte Anaerobier gefunden und als Zeichen einer redu­zierten immunologischen Toleranz interpretiert.

 

Mikrobiologische Befunde bei CED

Auf der Suche nach einem spezifischen Patho­gen, das CED auslöst oder unterhält, wurden umfangreiche mikrobiologische Untersuchungen vorgenommen. Im Stuhl oder in Gewebeproben aus dem Kolonepithel von CED-Patienten fanden sich im Vergleich zu Gesunden häufig veränderte Bakterienspektren und - konzentrationen. So wurde z.B. bei der Colitis ulcerosa eine Verminde­rung der aeroben und anaeroben resistenten Flora und einer Vermehrung potenziell pathoge­ner Keime (Klebsiella, Enterobacter, Proteus und Pilze) nachgewiesen. Es kommt bei Morbus-Crohn-Patienten nach Resektion der Ileozö­kalklappe oft zu einem „Overgrowth-Syndrom“. Es werden auch häufiger potenziell pathogene Keime in der Serosa und in mesenterialen Lymphknoten nachgewiesen als bei gesunden Kontrollen. Veränderungen der Darmflora im obe­ren Dünndarm finden sich bei Morbus-Crohn-Pa­tienten in etwa einem Drittel der Fälle.

 

Bakterielle Translokation

Chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ge­hen mit einer erhöhten Translokation von Darmbakterien aus dem Gastrointestintrakt in das Lymphsystem bzw. den Blutkreislauf einher. Eine systemische Endotoxinämie wurde im akuten Schub bei 88% der Colitis-ulcerosa-Patienten sowie bei 94% der Morbus-Crohn-Patienten ge­funden. Dabei korrelierten die Endotoxine bzw. die Endotoxin-Antikörper im Plasma mit der Aus­breitung und der klinischen Aktivität der Erkran­kung. Eine solche Endotoxinlast im Blutplasma kann z.B. durch eine Darmlavage verringert wer­den: innerhalb von 2-4 Tagen wurde ein Rück­gang auf weniger als 25% des Ausgangswertes beobachtet (vgl. Leaky-Gut-Syndrom).

 

Sulfat-reduzierte Bakterien hemmen die Verwertung kurzkettiger Karbonsäuren.

Im Darm von Patienten mit Colitis ulcerosa wur­den vermehrt Bakterien der Art Desulfovibrio desulfuricans gefunden, dem Hauptvertreter der Sulfat-reduzierenden anaeroben Darmbakterien. Diese produzieren große Mengen hochtoxisches Hydrogensulfid, welches die Aufnahme und den Metabolismus von Butyrat hemmt. Dadurch wird die Energieversorgung des Kolonmukosa emp­findlich gestört und es entstehen Epithelschäden mit dem klinischen Bild der Colitis ulcerosa. Eine eingeschränkte Butyrat-Oxidation scheint sowohl im akuten Schub als auch in der Remission bei der Colitis ulcerosa von Bedeutung zu sein.

 

Therapeutische Konsequenzen

Die Beteiligung der Darmflora an der Pathoge­nese chronisch entzündlicher Darmerkrankungen gilt inzwischen als gesichert. Mit Antibiotika, Sali­zylaten und probiotischen Arzneimitteln kann die intestinale Mikroökologie auf verschiedene Weise beeinflusst werden.

 

Moderne Arzneimitteltherapie mit Probiotika

Außer durch chemisch definierte Wirkstoffe wie Antibiotika oder Salizylate kann die intestinale Mikroökologie auch durch biologisch definierte, probiotische Arzneimittel beeinflusst werden. Das wissenschaftliche Interesse an dieser Therapie­alternative hat durch moderne molekularbiologi­sche Techniken, die Aufklärung grundlegender Mechanismen der interstinalen Mikroökologie und die Möglichkeit zur klaren Unterscheidung apa­thogener und pathogener Bakterien in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung er­fahren. Probiotika sind lebende, physiologische Mikroorganismen, die einen positiven Einfluss auf den Wirtsorganismus ausüben, indem sie die Balance seines intestinalen mikroökologischen Systems verbessern. Zur Therapie und Prophy­laxe von Krankheiten werden probiotische Arz­neimittel eingesetzt. Davon zu trennen sind die in Lebensmitteln enthaltenen Probiotika. Nahrungs­mittel wie z.B. Joghurt dienen der Ernährung und unterliegen anderen, weniger strengen Anforde­rungen als ein Arzneimittel und dürfen nicht den Anschein eines Arzneimittels erwecken.

In der CED -Therapie mit probiotischen Arzneimitteln liegen Erfahrungen für Escherichia coli Stamm Nissle 1917, Laktobazillen und andere Milchsäurebakterien sowie Saccharomyces boulardii vor.

 

Kasuistiken und Pilotstudien

Erste Erfolge ermöglichte die Applikation von Klysmen mit Stuhlaufschwemmungen gesunder Spender. Dadurch wurde z. B. ein Patient be­schwerdefrei, der zuvor wegen einer ausgepräg­ten Colitis ulcerosa eine tägliche Prednisolondosis von 30 mg nicht unterschreiten konnte. Die erst­mals seit 11 Jahren ohne Steroide oder andere Medikamente bestehende, endoskopisch bestä­tigte Remission hielt über sechs Monate an. Bei weiteren 55 Patienten führten eine Darmlavage und das anschließende Klysma mit der Stuhlauf­schwemmung in über der Hälfte der Fälle zu einer langfristigen Symptomfreiheit oder deutlicher Besserung.

Ähnlich langanhaltende Remissionen konnten durch die Kombination von Antibiotika mit der anschlie­ßenden Gabe apathogener E. coli-Stämme (E. coli Nissle 1917 bzw. E. coli Pingel) in ca. 80 % der Fälle erzielt werden.

 

Es bestehen weiterhin positive Erfahrungen zur Kombination von 5-ASA-Präparaten und E. coli Stamm Nissle 1917.

 

Wirkprinzipien probiotischer Arzneimittel

Die Wirkmechanismen probiotischer Arzneimittel sind Gegenstand intensiver Forschung. Wichtige Ei­genschaften der Probiotika sind unter anderem die Wachstumshemmung von pathogenen Mikroorga­nismen, z. B. durch die Produktion antimikrobiell wirksamer Substanzen (sog. Mikrozine), die Stärkung der intestinalen Barrierefunktion und das „Training“ des Mukosa-assoziierten Immunsystems. Ein Bei­spiel hierfür ist die Verhinderung der Aktivierung von NFkB.

Für E. coli Stamm Nissle 1917 wurde eine immunmodulatorische Wirkung nachgewiesen. Diese wird auf sein einmaliges LPS zurückgeführt, welches bei keinem anderen Bakterium gefunden wurde. Der Stamm E. coli Nissle 1917 produziert mindestens 2 Mikrozine und besitzt besondere metabolische Akti­vitäten. Auf diese Weise schützt E. coli Stamm Nissle 1917 vor pathogenen Keimen und fördert die Regeneration der zerstörten Mukosa. Eine weitere Eigenschaft dieses E. coli-Stammes, die sich besonders günstig bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen auswirkt, ist die Bildung der für die Ernährung der Kolono­zyten essentiellen kurzkettigen Karbonsäuren.

 

Die Mikroorganismen im Darm kommunizieren untereinander und mit dem Darmepithel („Quorum sen­sing“ und „Crosstalk“). Durch die Gabe von E. coli Stamm Nissle 1917 wird die intestinale Mikroflora positiv beeinflusst.